#BDSMBlogparade – Erniedrigung ist Ermächtigung

Macht und Erniedrigung – passt das zusammen? Ein Beitrag im Rahmen der #BDSMBlogparade im Oktober.


Es ist wieder einmal eines dieser Themen, über die man bloggen möchte, unbedingt, aber dann auch wieder nicht. Nicht, weil man sich bei dem Thema unwohl fühlt, sondern weil es ein Thema ist, welches Meinungen spaltet und welches bei einigen Menschen gerümpfte Nasen und mitleidige Blicke heraufbeschwört.

„Erniedrigung“. Dieses Wort ist in seiner Definition etwas negatives, zumindest wenn man von der allgemeingültigen, gesellschaftsfähigen Form ausgeht. Es beschreibt den Akt, wenn eine Person eine andere verbal oder durch andere Aktionen bloßstellt. „Demütigung ist die den Selbstwert, die Würde und den Stolz angreifende beschämende und verächtliche Behandlung eines Anderen, oft auch im Beisein anderer Personen.“, sagt Wikipedia dazu, sofern man nach Erniedrigung sucht. Allerdings taucht hier die erste Unterscheidung auf: geht es um Erniedrigung im Sinne einer bösartigen Demütigung oder geht es um erotische Demütigung? Denn zwischen beidem liegt meines Erachtens ein gewaltiger Unterschied. Stellen wir uns also mal zwei Situationen vor.

Situation A

Eine Frau steht in einem normalen Nachtclub neben einem Mann, ihrer Begleitung für den Abend. Er will, dass sie genau das tut, was er sagt, doch sie lehnt ab. Sie zögert, was ihn wütend macht und dazu bringt, sie neben sich auf den Boden zu drücken, sodass sie vor allen anderen auf dem Boden knien muss. Er sagt ihr, dass sie genau dort unten hingehört und fängt an, sie zu beschimpfen. So, dass die anderen Gäste es hören können. Sie senkt den Kopf, die Schamesröte steigt ihr ins Gesicht. Die Frau weint, die Umstehenden sind peinlich berührt und schauen weg. Am Ende läuft sie weinend weg, der Abend endete für sie mit einer Erniedrigung.

Situation B

Eine Frau steht in einem Szeneclub neben einem Mann, ihrer Begleitung für den Abend. Er will, dass sie genau das tut, was er sagt. Sie zögert, was ihn dazu bringt, sie neben sich auf den Boden zu drücken, sodass sie vor allen anderen auf dem Boden knien muss. Er sagt ihr, dass sie genau dort unten hingehört und fängt an, sie zu beschimpfen. Nicht viel, aber gerade so, dass die anderen Gäste es hören können. Sie senkt den Kopf, die Schamesröte steigt ihr ins Gesicht. Die Umstehenden schauen interessiert, manche lächeln, aber keiner ist peinlich berührt. Am Ende streichelt er ihr über den Kopf und haucht ihr ein „Gut gemacht“ entgegen, hilft ihr auf und sie hat noch einen wundervollen Abend.

Zwei ähnliche (fiktive) Situationen, zwei sehr unterschiedliche Arten der Erniedrigung. In Situation A sowie Situation B ist das Hinknien keineswegs freiwillig – so scheint es zumindest. Doch wenn man den Kontext von B nimmt, so hätte unsere Protagonistin jederzeit stoppen können mit einem einfachen „Nein“ in Form eines Safewords, während sie in A der Willkür ihrer Begleitung ausgesetzt war. Die Qualität der Erniedrigung ist eine völlig andere in beiden Situationen. A ist das genaue Gegenteil dessen, was in B geschieht: es ist keine sichere Situation ( nicht safe), nicht bedacht (nicht sane) und auf keinen Fall einvernehmlich (nicht consensual). Womit wir bei den drei wichtigsten Dingen wären, die man im BDSM-Bereich beachten sollte und die mir persönlich und aus eigener Erfahrung sehr am Herzen liegen: safe, sane and consensual, kurz SSC. Natürlich ist B auch nur eine Art der Erniedrigung, denn die Art und Weise ist besonders beim BDSM sehr weit gefasst und meist sind die Grenzen nur die der Phantasie des Doms.

Wie kann man nur…!?

Der Unterschied zwischen unfreiwillig und freiwillig gedemütigt zu werden (um das hier mal vereinfacht und plakativ darzustellen) ist also ein sehr großer. Leider sehen das viele Menschen scheinbar nicht so, was dann bereits zu abstrusen Gesprächen geführt hat. Von „aber sowas kannst du als Feministin nicht mit dir machen lassen!“ über „dafür haben wir Frauen nicht gekämpft!“ bis hin zu „das ist doch krank!“ habe ich bereits sehr vieles gehört, und dabei bin ich selbst ja nicht einmal lange in der Szene. Ein Problem scheint zu sein, dass ich das Thema BDSM und alles was dazugehört sehr offen anspreche, wenn ein Gespräch in diese Richtung tendiert. Dies führt dazu, dass die Leute pikiert oder mir gegenüber gar aggressiv ablehnend reagieren, was mir zeigt, dass die gespielte Offenheit vieler Menschen dann oftmals doch eine scharfe Grenze hat.

Bleibt also die Frage aller Fragen zu dem Thema „Erniedrigung“: Wie kann man nur…!? Ja, wie kann man nur. Wie kann man nur fragte ich mich auch einmal und war neugierig genug, um genau das auszuprobieren. Es gab sowohl positive, als auch negative Erfahrungen, welche ich machen musste im Bezug auf sich freiwillig demütigen lassen, doch letzten Endes bin ich nur schlauer geworden und habe nur sehr wenig Schaden davongetragen.

Ein Gefühl von Freiheit

Das Gefühl, erniedrigt zu werden erzeugt bei mir selbst erst einmal eine Mischung aus negativen Gefühlen und „das hat man verdient“, doch sogleich stellt sich das genaue Gegenteil ein: man wird hibbelig, fast schon euphorisch, obwohl der rationale Verstand einen des Öfteren fragt, welche Schraube bei einem selbst locker ist, bevor er sich wieder kopfschüttelnd in einer Ecke des Geistes bequem macht und wartet, bis der Spaß vorbei ist. Der emotionale Part von mir hingegen feiert bei solchen Situationen Party. Ja, es kann ganz schön erniedrigend sein, wenn man auf einer Party neben seiner Abendbegleitung kniet. Der Boden ist kalt, das Kleid zu kurz, es ist unbequem, die Leute starren, zwischendurch bekommt man ein oder zwei spitze, bissige Kommentare zu hören und hämisches Lachen, ob der jungen Frau die dort unten sitzen muss. Obwohl es eine Szeneparty ist, wo solche Dinge öfters vorkommen, fühlt man sich in diesem Moment klein, unbedeutend und unglaublich angreifbar. Doch man weiß, dass der Moment kommen wird, wenn man nur genau das befolgt, was einem der Mann neben einem gesagt hat, in welchem man aufstehen darf und Lob bekommt. Wertschätzung. Und ich fühle mich freier als je zuvor. Ich habe entschieden, dass ich gehorche. Ich habe mich demütigen lassen. Niemand sonst hat darüber entschieden. Das ist es, was Erniedrigung für mich ausmacht: die Freiheit, zu entscheiden, auch wenn es in diesem Moment nicht so aussieht und sich nicht so anfühlt.

Wichtig für mich ist besonders der dominante Part: Selbst wenn ich am Boden liege, physisch und psychisch, kann ich sicher sein, dass mein Dom mich auffängt, denn wir haben uns beide freiwillig in diese Situation begeben. Ich, dass ich mich demütigen lasse, und er, dass er die Verantwortung übernimmt, dass mir in der Situation nichts passiert, was dauerhafte Schäden hinterlassen könnte.

Unter deiner Würde

Ist „Erniedrigung“ im einvernehmlichen, sexuellen Umfeld also wirklich etwas, was meine Würde herabsetzt? Etwas, wofür ich mich schämen müsste? Etwas, was das Patriarchat unterstützt? Etwas, was „unter meiner Würde“ ist?

Ich denke nicht. Meine Würde ist vorher wie nachher dieselbe. Ich schäme mich nicht dafür, mich von jemandem erniedrigen und beschimpfen zu lassen. Konzepte wie das Patriarchat haben meiner Meinung in diesem Kontext nichts verloren.

Erniedrigung ist Macht. Macht von unten. Denn was ist es sonst, was ich ausübe, wenn ich eine solche Szene mit nur einem Wort beenden kann? Ich fühle mich nicht herabgesetzt, weniger wert, schlechter oder sonst was, wenn ich einer solchen Szene ausgesetzt bin. Währenddessen vermutlich, aber nicht davor und nicht danach, und seien wir ehrlich: jemand der einen verbal nieder macht, während man vor ihm kniet und einen vielleicht noch schlägt oder anspuckt, bevor er einen hart vögelt… wen, meine lieben, macht das denn nicht an? 😉


Vielen Dank fürs Vorbeischauen und Lesen, besonders an die neuen Lesern, die über die #BDSMBlogparade hierher gelangt sind. Mehr BDSM und Erniedrigung gibt es bei den anderen Bloggern zu lesen:

Margaux Navara – 02. Oktober

Tanja Russ – 05. Oktober

Tomasz Bordemé – 09. Oktober

Seitenspringerin – 12. Oktober

Taras Ropes – 19. Oktober

Herzinfucked – 23. Oktober

Training of O – 26. Oktober

My life in fur – 30. Oktober 

The Art of Pain – 02. November

Advertisements

11 Kommentare zu „#BDSMBlogparade – Erniedrigung ist Ermächtigung

  1. Mir ist beim Lesen Deines Beitrages bewusst geworden, dass Erniedrigung und Blossstellung in der Öffentlichkeit wohl nahe zusammenliegen – während ich selber Erniedrigung ganz im privaten Rahmen verorte: Wenn mich meine Herrin in unserer Zweisamkeit erniedrigt, mich zu einem Verhalten nötigt, das ich noch nie zeigen oder annehmen konnte, dann werden die Grenzen geweitet und entsteht dieser tolle Spannungsbogen, dass gerade die Frau, die mich wie niemand sonst annimmt, mich auch wie keine andere Person erniedrigen kann – sie behandelt mich, wie es ihr gefällt – und findet zusätzliche Befriedigung darin, richtig zu liegen, dass ich das in der Überwindung der Widerstände wunderbar annehmen kann – und in der Folge immer mit ihr verbinde: Das Entwürdigende erhält die ganz persönliche Würde, die wir dem Vorgang geben – und schon ist es keine Erniedrigung mehr, sondern allenfalls Abrichtung und Konditionierung, ja, womöglich gar Auszeichnung.

    Im Beisein Dritter… ja, natürlich muss ich und kann ich alles, was meine Herrin verlangt, auch dann zeigen und annehmen können – aber mir ist irgendwie sehr wichtig, dass mein Impuls zu gehorchen, nicht daher kommt, dass ich meine Herrin auf keinen Fall blossstellen will, sondern aus meinem innersten Empfinden für Sie heraus, im Dialog mit meiner Eigentümerin, fundiert und alimentiert durch die Macht, die SIE über mich besitzt.

    Hingegen kann ich mir SEHR gut vorstellen, mich demütig in Befehle zu schicken, wenn sie bereits gemachte Erfahrungen aufnehmen – aber dann ist es ja definitiv keine Erniedrigung mehr, sondern Vorführung, Vertiefung, ja womöglich sogar Stolz der Herrin und des sklaven…

    Gefällt 1 Person

  2. Du hast die Empfindungen sehr eloquent dargelegt. Genau die Aspekte, auf die ich immer wieder hinweise: SSC und die Tatsache, dass es meine Entscheidung ist, wie weit der Dom gehen darf, auch wenn das manchen Doms sauer aufstößt. Ein Beitrag, auf den ich sehr gerne verweisen werde! Danke dafür.

    Gefällt 2 Personen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s