Frankfurter Buchmesse 2019

Buchmesse. Für mich bisher immer eine Messe für Autoren, Verlage oder Menschen, die sonst etwas mit Literatur beruflich zu tun haben. Nie bin ich auch nur auf die Idee gekommen, die Messe als Treffpunkt von Literatur interessierten Menschen zu betrachten. Dieses Jahr, mit dem Ehrengast Norwegen, begann ich, mich einmal intensiver mit der Messe auseinander zu setzen und durfte überrascht feststellen, dass man auch als Konsument auf die Messe gehen kann. Naturgemäß verabscheue ich die Tage, an denen die nicht-Fachbesucher zur Messe strömen, da die Messehallen dort immer am vollsten sind. Ein Glück also, dass die Frankfurter Buchmesse Tickets für Studierende an den Fachbesuchertagen anbietet. Für gerade einmal 19€ für ein Tagesticket darf man sich also unter die Autoren, Verlage, Agenten und sonstigen Prominenten der Literatur-Szene mischen.

Vergangene Woche dann, als das Semester auf ein Neues begann und ich die Hoffnung, doch noch zur Messe zu fahren, aus finanziellen Gründen bereits in den Wind geschossen hatte, ergab sich für mich die Gelegenheit mit der Unterstützung meines Skandinavistik Instituts die Messe zu besuchen. Als Studierende der norwegischen Sprache bekommen wir immerhin eine kleine finanzielle Unterstützung, sodass uns die Anreise und der Besuch nicht ganz so finanziell schmerzen sollten.

Kurzum war ich also beim Institut angemeldet, hatte ein viel zu teures ICE-Ticket für Freitags gebucht und befand mich ehe ich mich versah auch schon im selbigen. Was tut man nicht für Literatur!, sagte ich mir immer wieder. Ich sagte es mir, als ich morgens um 6 Uhr aufstand. Ich sagte es mir, als ich zehn Minuten früher als geplant in der Straßenbahn saß, und ich sagte es mir, als ich um kurz vor sieben Uhr morgens am Bahngleis saß und auf den ICE wartete, welcher erst in 40 Minuten kommen sollte.

Die Fahrt überspringe ich an dieser Stelle, da man aus einer Fahrtzeit von etwas über einer Stunde nicht viel berichten kann, außer vielleicht, dass die DB im Bistro nur eine spezielle Kredit-Karte nimmt. Hier sei eingeschoben, dass der freundliche Herr, welcher mir den Kaffee servierte, ausgesprochen peinlich berührt war über diesen Umstand.

Nun sitze ich also hier, nachmittags um drei Uhr auf der Messe und schreibe. Mein Handy neben mir hängt zum dritten Mal an diesem Tag am elektrischen Tropf, mein Magen dagegen auf den Knien und das Wetter durch. Der tolle Außenbereich ist auch nur bei gutem Wetter toll, aber immerhin kann man von innen hervorragend die flüchtenden Anzugträger beobachten, welche ihre teuren Boss und wasweißichwas Kleidungsstücke nicht den Naturelementen ausgesetzt wissen mögen. 

Es ist interessant an einem Fachbesuchertag die Messe zu besuchen, es steht alles viel mehr im Business Fokus: es wird genetzwerkt, es wird fotografiert, gefilmt und Interviews werden gegeben. Überall sieht man Leute mit Kameras umherhechten, um das beste Bild von Autor XY (von welchem ich bisher noch nie gehört hatte) zu ergattern.

Aber beginnen wir doch am Anfang. Nachdem wir es geschafft hatten, das Messegelände zu betreten, war ich erst einmal völlig erschlagen ob der Dimensionen dieser Messe. Meine bisherige Messeerfahrung beschränkte sich auf die Gamescom und die RolePlayConvention in Köln (und zweitere konnte man nun wirklich nicht Messe nennen), sodass sich mir beim Anblick des Messegeländes und der ganzen Business-Menschen die Frage stellte: bist du wirklich richtig hier? Leider erschien kein Licht, keine Funken sprühten und es erschien auch kein Gregor Steinbrenner, der mir mit Freude verkündete, dass ich richtig stand. Also hinein ins Getümmel und gemeinsam mit der Finnisch Dozentin zum Norwegen Pavilion. (Auch so ein komisches Wort, „Pavilion“ – nie weiß man, wie es korrekt geschrieben wird!) Hier möchte ich mich einmal bei der Frankfurter Messe beschweren, da es keinen Aufzug im Forum gibt, welcher bis nach oben fährt – zumindest keinen, welchen wir gefunden hätten. An der Ausschilderung generell kann gerne noch gearbeitet werden, da ich mich bisher bereits zweimal verlaufen habe, weil die Hallennummern und Abschnitte sehr schlecht sichtbar zu sehen sind. Generell finde ich die Messe sehr unübersichtlich, was vielleicht mit ihrer Größe zu tun hat, aber vielleicht auch mit dem schier endlos wirkenden Labyrinth aus Gängen und Brücken zwischen den Hallen. Was die Größe der Messe angeht: es gibt Shuttlebusse zwischen den Hallen. Muss ich noch mehr sagen?

Der Norwegen Pavilion, gut versteckt ganz oben im Forum, war schön aufgebaut: großzügig gestaltete, offene Fläche, darin kleine Tische mit verschiedensten Büchern von norwegischen Autoren, zum Teil über Norwegen, zum Teil Fiktion pur. An einem kleinen Stand wird Strickwaren gezeigt, zwei Damen sitzen dort und stricken noch mehr Strickwaren. Ich vermute einfach mal, dass momentan Strickwarennotstand in Norwegen herrscht und man deswegen auch auf der Messe weiter stricken muss. 

Gegen elf Uhr muss ich mich dann von meinen Norwegisch-Menschen verabschieden, denn die Frankfurter Buchmesse empfängt den ehrenwerten Kriegundfreitag am Stand des Lappan Verlages zu einer Signierstunde. Das hieß für mich: ab nach Halle 3.0! Aber wo ist Halle 3.0? Und wo bin ich eigentlich? Zum Glück gibt es ja die Buchmesse App, welcher zwar mehr schlecht als recht funktioniert, aber immerhin einen tauglichen Lageplan ausspuckt inklusive Navigationsfunktionen (leider aber ohne GPS, was das Ganze dann auch wieder hinfällig werden lässt). Zwanzig Minuten später stehe ich also irgendwo in Halle 3.0 und versuche verzweifelt mithilfe der App herauszufinden, an welchem Punkt ich mich in 3.0 befinde. Ist es Gang D? In welchem Gang stehe ich? Und an welcher Standnummer? Wir erinnern uns an das Problem mit der Beschilderung.

Endlich! Ich kann den Stand des Carlsen Verlages orten (kaum zu übersehen) und somit auch den danebenstehenden Stand des Lappan Verlages. Voller Erleichterung stürze ich auf den Stand zu, an welchem schon fleißig signierend Tobias Vogel sitzt. (So heißt der eigentlich wirklich, ich war auch ganz entsetzt!) 

Als ich dann in der Schlange stand und so vor mich hinschaute, fiel mir dann auch auf, dass ich bei der Suche vorhin vermutlich bereits zweimal orientierungslos an dem Stand vorbeigekommen sein musste. Mental klatschte ich mir mit der Hand vor die Stirn und hätte meinen Kopf am liebsten gegen die nächstbeste Wand gehauen. Dann – endlich! – erfüllte sich mein feuchtester Twittertraum und ich durfte sagen: „Hallo, mein Name ist Julia und ich habe keine Idee für einen Comic!“ Tobias (welcher einer von vielen Tobiassen seiner Generation ist, von mir hiermit aber als der einzig richtige Tobias erklärt wird) freute sich, fing an zu zeichnen und ich bekam meinen ersten richtigen Kriegundfreitag. Ich sag es euch: ich hab mich gefreut wie ein Honigkuchenpferd. Gut, ich hatte vermutlich mal wieder mein „ich strahle null Freude aus“ Gesicht drauf, aber innerlich hab ich gestrahlt, ehrlich! Besonders als das Gespräch auf Twitter kam und sich herausstellte, dass DER Kriegundfreitag, DER Comiczeichner für mich, mich wiedererkannte. Mich. Den Keks von Twitter. Ja geneigte Leserschaft, so hab ich auch geschaut. Mein Kopf machte irgendwas, was mental sehr nach „HOLY SHIT WHAT“ klang und äußerlich kann ich mich wirklich nicht mehr erinnern, was aus meinem Mund kam, aber es war anscheinend etwas nettes, denn wir verabschiedeten uns freundlich und ich zog mit meinem kleinen Kunstwerk von dannen. 

Jetzt hatte ich also mein offizielles Dokument, was mir bestätigt, dass alle anderen Julias ungültig sind. Doch was nun? War doch dies mein Highlight des Tages gewesen, erschien mir die Messe nun etwas weniger glänzend und erkundungswürdig. 

Da wir aber erst halb zwölf mittags hatte, konnte ich schlecht den Tag für beendet erklären und wieder zurück nach Köln fahren – der Weg sollte sich ja schließlich lohnen, also setzte ich meinen Weg durch die Hallen fort. Wobei Hallen hierbei Halle 3 und 4 waren, denn zu mehr war ich dann einfach nicht im Stande.

Als ich am Stand der Süddeutschen Zeitung vorbeikam, wollte man mir ein Probeabo andrehen, welches ich voller Entsetzen ablehnte. Wer wollte denn schon ein Blatt lesen, welches offensichtlich so furchtbar war? Also ich sicherlich nicht, weswegen ich auch gleich freundlich ablehnte. An Abos hatte ich schon genug. Ich verließ schließlich Halle 3 auf der Suche nach einem Ort, an welchem ich in Ruhe bloggen konnte – und vor allem mein Handy laden konnte. Ich hatte mir bereits die Powerbank einer Kommilitonin geliehen, aber eine kleine Batterie kommt auch nur so weit wie ich twittern kann. Und ich twittere eindeutig schneller als diese kleine Batterie mein Handy laden konnte. Nachdem ich also in Halle 3 nicht fündig geworden war bzw. von meinem gemütlichen Café-Tisch am Stand des Taschen-Verlages verscheucht worden war (aufgrund einer anstehenden Veranstaltung) begab ich mich also auf die Suche nach einer Blogger-Area. 

Man sollte meinen, dass eine Literaturmesse einen ausgewiesenen Bereich für die digitale Literatur besitzt, vielleicht mit Lounge Möglichkeit, free WiFi und vor allem der Möglichkeit seine Geräte zu laden. Doch nein, die Frankfurter Messe schien mir so digital unfreundlich zu sein wie vieles andere in Deutschland auch. Wo waren die Blogger? Die Online-Autoren? Die E-Books? Wo waren die digitalen Medien? Wenn überhaupt habe ich sie nur bedingt erlebt, und falls es soetwas wie eine Blogger Area gegeben hat, so habe ich es nicht gefunden.

Die Halle 4 selber beinhaltete irreführenderweise keine Informationen oder einen Stand für Studierende, sondern einige Stände der Medienhochschule Frankfurt. Wirklich, Messe Frankfurt: Beschilderung!

Ich ging in diese Halle mit keiner großen Erwartung, da dort kein Verlag auf mich wartete, welcher mir bekannt vorkam. Umso mehr freute es mich zu sehen, dass ARTE einen Stand dort hatte und das Thema Norwegen ebenfalls aufgegriffen hatte: es gab eine Diskussion mit dem Thema “Am ARTE-Fjord“. Ich habe ihn mir persönlich nicht angehört, aber bin fest davon überzeugt, dass er großartig gewesen ist. 

Als ich also so durch diese Halle schlenderte und kleine Verkagsstände begutachtete, welche mir aufzeigten, wie schlecht ich mich in der deutschen Verlagslandschaft auskenne, stolperte ich auf der Suche nach dem vermeintlichen „Studium Buch“-Stand über einen Stand der völlig aus dem doch recht spießigen und konservativen Rahmen fiel. Mir gefiel er sofort.

Der Stand des Goliath-Verlages fiel allein schon dadurch auf, dass scheinbar niemand ihn beachtete. Als wäre er Luft glitten die Blicke der Messebesucher über ihn hinweg oder besser an ihm vorbei. Es schien fast, als traute sich keiner auch nur ansatzweise dorthin zu schauen, denn man könnte der Person sofort ihre unzüchtigen Gedanken ansehen. 

Groß prangte die tätowierte Dame auf ihrem Poster am Stand, welche ein recht durchsichtiges Kleid aus Latex trug. Es war im 50s Look geschnitten und alles sah nach Pin-up-Girl aus – bis auf die Tatsache des Latex-Kleides. Genau mein Stand!, dachte ich und machte mich auf den Weg dorthin. Zielstrebig begann ich die Bücher dort zu durchforsten und wurde nicht enttäuscht, im Gegenteil: ein Bildband des Verlages landete auch sofort in meiner Tasche. Es gab Bücher wie „Kinky Super Beauties“, „Dirty Girls having fun“ oder eines über einen Nylon-Fetisch, dessen Name mir leider wieder entfallen ist. Daneben Bücher mit nahezu lehrreichem Wert: „A history of german porn“, „Marquis de Sade – 100 Erotic Illustrations“, „History of sexual punishment (in pictures)“ und „ A visual history of lovemaking toys”.

Bei dem Kauf meines Buches, auf welches ich noch wunderbare 5€ Messerabatt bekam, kam ich auch ins Gespräch mit der Dame die dort verkaufte. Ungefähr in meinem Alter, also Anfang/Mitte Zwanzig, stimmte mir zu, dass viele Messebesucher sich nicht trauten, an den Stand zu kommen. „Er sticht schon etwas heraus.“, sagte sie mir und lächelte dabei. „Aber dafür ist es mal etwas anderes. Viele Besucher kommen auch mehrfach vorbei und schauen immer wieder, aber die wenigsten schauen sich die Bücher an. Erst wenn schon ein paar Leute hier sind trauen sich auch die anderen.“ 

So prüde sind wir als Gesellschaft also. Aktfotografie und der offene Umgang mit Sexualität, Fetischen und dieser „Andersartigkeit“ schreckt viele ab. Ich selber hatte das Gefühl, als hätte man den Stand absichtlich dort versteckt, dort oben, in Halle 4.1. Weg von den anderen Fotografen und Bildbänden, weg von der Kunst, die als gesellschaftlich akzeptabel gilt.

Ich für meinen Teil kann nur sagen: schaut euch die Bücher an! Wie bereits erwähnt musste eines leider mit mir kommen. 

Halle 4.1 hinter mir lassend machte ich mich weiter auf die Suche nach der Steckdose, wurde jedoch nirgends fündig. Welch ein Armutszeugnis, wo ich doch heute so viele Fachbesucher an ihren Laptops gesehen habe, die oftmals wohl mit den gleichen Problemen zu kämpfen hatten.

Nach einer kurzen Pause, welche aus einem Energydrink und Maiswaffeln bestand, da – wen wundert das noch – das Bistro lediglich Bargeld annahm, gabelte mich eine Kommilitonin auf und zusammen begaben wir uns zurück in Richtung Norwegen Pavilion.

Was mir besonders gut gefallen hat an diesem kurzen Eindruck der Messe war die unfassbar tolle Umsetzung und Gestaltung des Gastlandes Norwegen. Es gab natürlich den Ehrengast Pavilion im Forum, was mit zwei Bühnen, einer tollen Ausstellung und sehr gutem Programm wirklich ein Magnet für alle Interessierten war. Dann gab es noch das bisschen Norwegen quer über die Messe verteilt: sei es der Stand der Region Opplands, welche Inspirationsquelle für Edvard Munch, Edvard Grieg und Henrik Ibsen war, sei es das norwegische Essen im Restaurant des Forums oder die vermehrt auftauchenden norwegischen Verlage, Autoren und Bücher. Alles in allem eine sehr tolle und, wie ich finde, gebührende Darstellung Norwegens. Erstmalig hatte ich das Gefühl, dass Norwegen hier nicht nur als das „hygge“ Land oder das Land von Hurtigruten dargestellt wurde, sondern als ein Land reicher Kultur. Ich kann, insbesondere seit unserem Besuch in Norwegen im September, nur jedem den Besuch dieses wundervollen Landes ans Herz legen. Lest, was es zu dem Land zu lesen gebt, und lernt die Menschen Und ihre Kultur dort kennen! Ich schwärme, ich weiß, aber es ist wirklich eine Droge: wenn du es einmal probiert hast willst du mehr.

Nun hatte ich noch die Gelegenheit die restlichen Minuten eines Gesprächs über die Wikinger mitzubekommen im Pavilion, sowie den Beginn eines Gespräches über „Exotisches Norwegen“ unter anderem mit Lars Mytting, welcher einen Roman verfasst hat, welcher auf einer Legende eines kleinen Dorfes in Norwegen basiert. („Die Glocke im See“, Lars Mytting. Suhrkamp..) Durch Erkältung angeschlagen und dementsprechend müde setzte ich mich also draußen vor den Pavilion auf den Boden, und was fand ich dort vor? Zwei Steckdosen. Überall hatte ich sie gesucht und dabei waren sie im Prinzip vor meiner Nase gewesen.

Damit schließt mein Messetag mehr oder weniger. Ich könnte noch erzählen, wie ich letztlich am Frankfurter Hauptbahnhof in einem völlig überfüllten McDonald’s ein total überteuertes Bahnticket per App kaufte, weil ich nicht vorab gebucht hatte, oder wie ich anderthalb Stunden lang am Bahngleis im Wind saß und fast erfroren wäre, aber das wäre höchst langweilig und einfach nicht erwähnenswert. 

Damit schließe ich meinen Tag auf der Frankfurter Buchmesse und nehme ein paar Eindrücke, einen Fotoband, das Drama „Peer Gynt“ von Henrik Ibsen und einen schönen Norwegen-Jutebeutel mit. 

Buchmesse, ich komme wieder. Nächstes Jahr. Und dann bleibe ich vielleicht auch was länger.

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