Hamburg – AirBnB mit Schnitzel

Brrrrt, brrrt! Brrrrt, brrrrt! Klingeling, bimmel.

Freitags morgens, acht Uhr in Deutschland: irgendwo klingelt der Wecker einer jungen Frau. Doof nur, dass diese Frau ich bin und der Wecker der vom Mann neben mir. Vom Aufstehen gequält rolle ich aus dem Bett, denn an diesem Tag will man dann doch mal früh aus dem Haus. Endlich geht es auf die lang ersehnte Fahrt nach Hamburg. Trommelwirbel… Roadtrip-Time!

So beginnt dieser Tag mit einem kleinen Durcheinander an Klamotten, zu schmierenden Sandwiches, durchwühlten Koffern und Jogginghosen, einem zu kurz geratenen Frühstück (ergo nicht vorhanden) und lauter Musik in der Küche. Mehr oder weniger pünktlich werden die Reisetaschen in den Kofferraum des Autos geschmissen und die in Alufolie verpackten Sandwiches griffbereit auf dem Rücksitz drapiert. Noch ein schneller Zwischenstopp an der Tankstelle, um dem Auto und der nach Frühstück jammernden Frau etwas Futter zu geben und dann ab auf die Autobahn, aber bitte gemütlich – hetzen will hier heute keiner.

Die Fahrt

Es ist 9.30 Uhr. Autobahn. Musik schallt aus den Lautsprechern, die Sonnenbrillen sitzen und man bereitet sich mental auf vier bis fünf Stunden Fahrt vor. Hoffentlich dann doch was länger, denn die von uns gebuchte AirBnB-Wohnung ist erst ab 15 Uhr bezugsbereit.
Also: auf nach Hamburg!

Eine Stunde später geht mir die Musik bereits auf die Nerven. Voller Elan schlage ich dem Mann vor, dass wir doch „Welcome to Nightvale“ hören könnten, ein Mystery-Thriller-Radio-Horror-…was-auch-immer-Podcast. Nach einem zustimmenden Nicken wird also die Pilot-Folge des Podcasts angeschmissen und unterhält uns genau zwei Episoden lang. Cecil Baldwins beruhigende, wundervolle Stimme und sein Geschmachte von Carlos beautiful hair üben sich leider eher einschläfernd auf uns aus, weswegen alsbald auf einen Tech-Podcast umgeschwenkt wird, bevor der Fahrer unserer kleinen Zwei-Personen-Unternehmung noch im Sekundenschlaf bei 120km/h auf dem Lenkrad einschläft.
Wir hören und hören, und hören noch mehr. Thema: neuer iMac, neues Apple Display und die Frage, ob Allianz oder Horde? („Alliance, of course Alliance! Nobody’s in the Horde…“) Doch dann – endlich! – kommt nach etwas über 2 Stunden Fahrt das Schild mit der ersehnten Nachricht in Sicht:

@chocokekskrueml:

Fast geschafft also. Podcast aus, neue Musik rein und die Landschaft bewundern mit dem Gefühl am Arsch der Welt zu sein. Zur Erklärung für Nicht-Städtler und Nicht-NRWler: als NRW-Kind ist alles, wo nicht Ortschaft oder Bebauung alle 2km ist, Land und man stellt sich kontinuierlich die Frage, wie man hier, ohne Anbindung zur Zivilisation und mit gerade einmal EDGE-Empfang am Handy überleben kann – oder will. (Ernsthaft mal: wie kann man auf dem Land wohnen wollen? WIE?!)

Die Uhr sagt 13.20 Uhr. Unverhofft ertönt es von rechts: „Schatz, guck mal! Da drüben! Hafenkräne! Da ist schon der Hafen! SCHATZ ICH HAB DEN HAFEN GESEHEN JETZT GUCK DOCH MAL!“ Wenn ich nicht wüsste, dass der Mann am Steuer doppelt so alt ist wie ich, so hätte diese Aussage auch von einem kleinen Kind kommen können: die Freude über die Hamburger Hafenkräne war eindeutig die gleiche. Folgend darauf durchfuhren wir die Attraktionen „Elbtunnel“, sowie „Hamburger Innenstadt“ inklusive Verkehrs- und Baustellenchaos. Hach Hamburg, was hab ich dich vermisst!

Ankunft im Schanzenviertel

Viel zu früh waren wir nun in Hamburg, aber was wäre der Luxus einer AirBnB-Wohnung im Schanzenviertel, wenn man nicht in zwei Minuten an hippen Läden und Cafés wäre? Also ab zur Sternschanze und die Läden inspiziert. Zwischen schicken Szene-Läden und den coolsten Second-Hand-Geschäften schmiegen sich kleine Cafés, wovon wir uns eins heraussuchten und direkt als das Café der Wahl auserkoren wurde.

„Tørnqvist“ ist ein kleines, sehr hippes Café am Ende der Sternschanze/Anfang Neuer Pferdemarkt. Hauptsächlich sind wir hinein gegangen, weil die ganze Ausstattung und Aufmachung meinen inneren Hipster getriggert hat: überwiegend weiße Möbel mit der Barista-Bar als Zentrum des Cafés, welche in schwarz gehalten war. In großen Buchstaben stehen dort an der Wand die drei Arten Kaffee, welche man bestellen kann. „Flat White“, „Handbrew“ und „Shot“ (keine Ahnung, worin der Unterschied bei den ersten beiden besteht, aber ein „Shot“ wird hochkonzertiert gebrüht), denn ebenso wie die Einrichtung sind auch die Getränke und Speisen hier eins: minimalistisch. Keine große Deko, kein Firlefanz der vom wesentlichen – dem Kaffee – ablenkt. Nachdem wir uns durchgefragt und vom Barista erfahren hatten, dass es immer zwei wechselnde Sorten Kaffee gibt, bestellten wir beide einen „Flat White“. Setzen und die Einrichtung wirken lassen. Wer meinem Instagram Account folgt wird merken, wie sehr dieser Laden den nach Minimalismus strebenden Zeitgeist einfängt: fließende Formen, wenig Verzierungen an den Möbeln, Metall und Holz die dominierenden Materialien, zwischendurch eine Sukkulente, dazu die obligatiorischen Sonos-Lautsprecher. Neben uns aus der Wand ragte ein schwarzer Wasserhahn, aus welchem man sich gratis bedienen kann mit hauseigenem, speziell gefilterten Wasser, welches den Geschmacks des Kaffees noch mehr unterstreichen sollte. (Aha. War Wasser. Hat auch so geschmeckt.) Nach einer kleinen Wartezimmer kam unser Kaffee und was soll ich sagen: er wurde genau so voller Liebe zum minimalistischen Design serviert wie man es hier erwartet.

Kaffee, serviert auf kleinen, schwarzen Platten, mit angestecktem Lebenslauf

Sogar einen kleinen Lebenslauf hatte er. Ich war kurz versucht ihn noch nach seinem Abschluss und akademischen Grad zu fragen. So manche Gäste, welche wir amüsiert beobachteten, zelebrierten ihren Kaffee regelrecht und ich frage mich immer noch, ob sie ihren Kaffee je getrunken haben oder nicht doch immer noch schnuppernd ihre Nasen in den Milchschaum halten. Vielleicht waren wir aber auch einfach Kulturbanausen und haben unseren Kaffee einfach nur konsumiert (nachdem wir gefühlt tausend Fotos aus verschiedenen Perspektiven für Instagram geschossen hatten). Jeder hat hier wohl seine eigene Art, Kaffee zu sich zu nehmen.

Der Karte nach besaß mein Kaffee ein Aroma von Schokoladenbrownie und Macadamia, und während ich bei Weinen meist dann nur noch ein „Jo. Ist Wein.“ herausschmecke, so schmeckte dieser Kaffee nach wirklich all dem beschriebenen und nach noch mehr. Falls ihr also mal in Hamburg sein sollte und genug Zeit für einen Besuch in einem Café habt, so kann ich das Tørnqvist nur wärmstens empfehlen! Wer noch mehr erfahren möchte kann hier einen ganzen Beitrag zu diesem Design-Café lesen.

AirBnB oder auch: die Wohnung, die nach Schnitzel roch

Zur vereinbarten Zeit waren wir wieder an unserem Domizil für die nächsten zwei Nächte und wurden dort bereits von der Freundin der Gastgeberin in empfangen. Treppen, Treppen und noch mehr Stufen oben angekommen bekamen wir kurz alles gezeigt, den Schlüssel überreicht und wurden uns selbst überlassen. Zeit, dieses sehr private Reich der abwesenden Gastgeberin unter die Lupe zu nehmen.

Wohnzimmer

Gitarren im Wohnzimmer, Plakate von feministischen Aktionen an den Wänden, IKEA-Einrichtung die zum Teil exakt so auch in meiner eigenen Wohnung vorhanden ist. Kurz: ich fühlte mich direkt wohl. Die ganze Wohnung vermittelte einen Eindruck von freiem Denken, Kreativität (selbstgemalte Bilder überall) und einem Hauch Anarchie und ich liebte es. Die Wohnung selbst lag in einem (sehr alten) Altbau, in einer Parallelstraße zur Sternschanze, also mitten im Herzen Hamburgs. Die Wohnungstür war auf keinen Fall Eintritt-sicher, da sie mehr nach Zimmertür aussah als alles andere, aber trotzdem barg das ganze Haus einen gewissen Charme. Im Erdgeschoss des Hauses befand sich der Kultladen „Erikas Eck“ mit für mich sehr ulkigen, aber sinnvollen Öffnungszeiten: Montags-Freitags 17-14.00 Uhr und am Wochenende 17-9.00 Uhr, denn Schnitzel werden hier scheinbar immer gebraucht. Ich bin kein Schnitzelfreund, daher kann ich es nicht beurteilen, aber der Mann war ganz angetan, besonders wenn abends die Toilette nach Schnitzeln roch, da das Fenster zum Innenhof hinaus ging. Nun gut, irgendeinen Haken musste diese Bude ja haben, aber der war eindeutig zu verschmerzen.

Völlig platt von der Autofahrt haben wir es uns dann erst einmal bequem gemacht, bevor wir abends einen Freund von mir, den ich bis dato nur von Twitter kannte, besuchen wollten.

Schulterblatt, war das nicht ein Knochen…?

Bevor es allerdings zu besagtem Freund gehen konnte, mussten wir noch schnell etwas einkaufen, denn so groß wie die Vorfreude auf Hamburg schien auch meine Vergesslichkeit beim Kofferpacken gewesen zu sein. Nicht nur, dass ich mehr oder weniger absichtlich keine Zahnbürste eingepackt hatte, nein, ich hatte ebenfalls Zahnpasta, Duschgel, sowie Haarshampoo vergessen. Wie heißt es so schön: was man nicht im Kopf hat, hat man in den Beinen. Praktisch also, dass wir sowieso noch etwas Bier kaufen wollten als Mitbringsel, denn mit leeren Händen in der Tür stehen gehört sich schließlich nicht. Da wir noch etwas Zeit und beide mehr oder weniger Hunger hatten beschlossen wir uns etwas Essbares jagen zu gehen, oder wie ich sagte „Nur eine Kleinigkeit!“

So schlenderten wir also durch das Schanzenviertel, vorbei an Restaurants aller Kulturen, Läden aller Arten und natürlich der roten Flora. Die Wände hier sind oft lückenlos bedeckt mit Graffitis und Stickern aller Art, und ebenso bunt wie die Wände sind die Menschen, welche einem hier begegnen. Multikulti bekommt hier neue Formen und sie schillern in allen Farben. Von jung bis alt, von Single bis Familie, von konservativ bis durchgepiercter Punk, von östlichen bis westlichen Ethnien ist alles dabei und es ist einfach unglaublich schön. Es ist ein Viertel, welches nicht nur Mutlikulti sein will, wie man es oft hier in Köln oder anderen Städten erlebt. In diesem Viertel lebt man es wirklich und allein der Gedanke, dass jemand aufgrund von Aussehen oder Glauben oder sonst irgendetwas diskriminiert werden könnte ist in unendlich weiter Ferne.

Schließlich sind wir fündig geworden bei unserer Suche nach Essen in einer Straße, welche einen Namen trug, bei welchem ich mir immer noch nicht sicher bin, ob man nun „in“, „am“ oder „auf“ sagt, wenn man beschreiben möchte, dass man dort war: Schulterblatt. Falls ihr noch nie in Hamburg wart, so kann ich sagen „Ja, liebe Leute, ich habe genauso doof geschaut!“, denn ich dachte erst, dass es ein Spitzname wäre, doch nein die Straße heißt wirklich so. (Sorry, liebe Hamburger!) Unser Essensfund entpuppte sich dann auch als ein türkisches Restaurant und ich fühlte mich ein wenig an unsere Keupstraße in Köln-Mülheim erinnert, denn sonst kenne ich keinen Ort, an welchem man so lecker türkisch essen gehen kann. Der Mann bestellte sich klassisch einen Döner, denn man wollte ja nur eine Kleinigkeit essen und ich nahm einen Falafelteller. Mit kleinem Salat. Und Fladenbrot. Und dazu ein dickes Glas Ayran vom Faß. Den Vorwurf, dass das doch keine Kleinigkeit gewesen sei, höre ich mir immer noch an.

Ein Freund in Hamburg

Gleich darauf ging es weiter zu meinem Twitter-Freund. Getreu dem Motto „wenn man schon einmal einen Parkplatz hat…“ ließen wir also unser Auto stehen und nahmen – der modernen Technologie zum Dank! – eins aus der DriveNow Flotte und kurvten nun in einem kleinen Mini dem Twitter-Menschen entgegen. Obwohl wir bereits im Vorfeld telefoniert hatten muss ich gestehen, dass ich unglaublich nervös war. Würde er genauso sein wie am Telefon? Oder beim Schreiben? Oder wie in seinen Tweets? Oder doch völlig anders? Noch bevor ich mir wirklich Gedanken machen konnte standen wir schon vor seiner Haustür und hatten geklingelt. Die Spannung stieg. Die geöffnete Tür kam in Sicht und dann…

…dann hatten wir einen unglaublich lustigen Abend mit Bier, Diskussionen über Filme (wobei ich zumeist nur doof dabei saß und keine Ahnung hatte, wovon die beiden Männer neben mir sprachen, klang aber interessant) und – wie könnte es anders sein – lustige Twitter-Geschichten. Der liebe @Shoogarrr war in echt nämlich noch viel lustiger und sympathischer als in der digitalen Welt und ich war sehr traurig, als wir uns nach einigen Stunden schon wieder verabschieden mussten. Zum Glück bleibt man über Twitter in Kontakt. Die digitale Welt ermöglicht es uns mit Freunden und Fremden, die weit weg wohnen in Kontakt zu kommen bzw. zu bleiben. Das ist das Gute daran, das ist das Schlechte daran, wie man bei Twitter sagen würde, denn auch, wenn man die Kontakte pflegen kann, so scheint es, als lerne man immer ausgerechnet die netten Menschen kennen, die am weitesten weg wohnen und die man, wenn man Glück hat, ein bis zweimal im Jahr sieht.


Der erste halbe Tage in Hamburg war nun also zu Ende und war doch schon recht reich an Eindrücken. Die erste Nacht in einem mir fremden Bett stand an und morgen würde es durch die Stadt gehen und abends auf ein Schiff voll mit Menschen aus dem Internet, die sich mal wieder zu einem der berühmt-berüchtigten Twitter-Treffen zusammenrotten würden.

Hoffentlich brauche ich für die anderen beiden Tage nicht ganz so lange, um sie zu Papier zu bringen, aber seid gespannt: zwei Artikel sind schon geplant, zumindest gedanklich. 😉

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