Die Mediziner und ich

Warum ich den Ärzten und mir selbst nicht traue.


Krank. Vielleicht. Man weiß es nicht genau. Auf ein „mir geht es nicht gut, weil…“ folgt ein „dann geh doch endlich mal zum Arzt“. Auf ein „ich hab schon wieder xy“ folgt ein „ich hab dir schon tausendmal gesagt, dann geh zum Arzt“. Auf ein „ach was, das hab ich öfters, geht wieder weg…“ folgt ein „dann ist es ja gar nicht so schlimm“. Man beginnt damit, im Internet nachzuforschen. KREBS! TOD! VERDERBEN!, skandieren die Suchergebnisse in großen Lettern. Unfug, sagt der Kopf und man sucht weiter. Foren, in welchen andere Menschen die gleichen Probleme haben, ebenfalls seit Jahren keine Hilfe, keine Lösung finden. Wissenschaftliche Artikel die mal dieses, mal jenes behaupten. Bis man auf kleine Artikel einer Erkrankung stößt, welche von „verschleppter Schnupfen“ bis hin zu „suchen sie umgehend einen Arzt auf!“ reichen. Jedes Mal Erleichterung, dass man sich die Symptome nicht einbildet.

…oder?


Meine Angewohnheit wissenschaftliche Zeitungen und Artikel zu verschlingen, insbesondere im Bereich der Medizin, in Kombination mit meinem guten Körpergefühl lässt mich meist ganz gut einschätzen, wie schlimm etwas ist. Schränkt es meinen Alltag ein? Kann ich es unterdrücken oder mit verschreibungsfreien Medikamente therapieren? Ja? Dann muss ich nicht zum Arzt. Doch was ist mit den Symptomen, die mich schon lange begleiten? Wegen derer ich zum Teil schon beim Facharzt saß und Medikamte bekam? Was ist damit? Wenn alte Erkrankungen wiederkommen, wenn sich neue bilden und man ungefähr eingrenzen kann, um was es sich handeln könnte. Wenn man anfängt zu verstehen, dass mit dem eigenen Körper, mit dem eigenen Geist vielleicht etwas nicht stimmen könnte – und das nicht erst seit gestern. Was dann?

Die Angst vor dem eigenen Körper wird stärker mit jedem Anzeichen einer Erkrankung, denn dann müsste man vielleicht doch mal zum Arzt gehen. Ach was, sage ich mir. Ich habe bestimmt zu viel medizinische Fachartikel gelesen. Die Symptome bilde ich mir nur ein, da brauche ich nicht extra zum Arzt gehen.

Vom Arzt für einen Hypochonder gehalten zu werden ist für mich schlimmer, als es eine Erkrankung jemals sein könnte. Panik davor, dass man mir nicht glaubt. Schon wieder nicht. Als Kind ist es mir oft passiert, dass man mir nicht geglaubt hat, wenn ich mich unwohl gefühlt habe. Erst von den Ärzten, als ich mit 12 beim Laufen keine Luft mehr bekam und ein Engegefühl verspürte immer dann, wenn ich Sport machen musste. Fehlende Kondition, hieß es. Später von meinen Eltern, welche irgendwann keine Lust mehr hatten, dass ihre Tochter schon wieder mit einer Erkältung (Magen-Darm, Übelkeit, Schwindel…) zuhause liegt – wenngleich sie mich nie krank in die Schule geschickt haben. Im erwachsenene Alter, als ich immer und immer wieder schlimmste Unterleibsschmerzen und Magen-Darm-Beschwerden hatte, man aber nie etwas fand. Wohl Luft im Bauch, machen Sie mehr Sport!, hieß es.

„Stell dich nicht so an!“

Natürlich ist es irrational, aber die Frage, was ist, wenn ich mir doch nur alles einbilden sollte, ist fest verankert in meinem Kopf und wird sich dort wohl nicht so schnell wegbewegen. Das was ist wenn? begleitet mich schon lange. Die Folge davon ist, dass sich in mir die Angst manifestiert hat, nicht ernst genommen zu werden und wenn etwas lebensbedrohliches sein sollte, ebenfalls wieder nachhause geschickt zu werden, da man mich nicht zu 100% Ernst nimmt. Um das ganze einmal zusammenzufassen:

Unwohlsein jeglicher Art -> man müsste mal zum Arzt -> was, wenn ich mir alles einbilde? -> man wird für einen Hypochonder gehalten -> wenn etwas schlimmes passiert, wird man nicht mehr ernst genommen

Ich schließe für mich daraus, dass ich erst gar nicht zum Arzt gehen sollte. Denn man würde mir vermutlich sowieso keinen Glauben schenken, da man meist nichts findet bei mir. Die physischen Probleme erledigen sich zumeist mit der Zeit von selbst oder ich lerne mit Ihnen zu leben. Zumindest so lange, bis es wirklich nicht mehr geht. Was allerdings psychisch vonstatten geht bleibt wohl besser dort oben in meinem Kopf. Es gibt Dinge, die kann man nicht nachweisen und wie oft hörte ich schon, dass man doch einfach mal dies oder jenes tun solle, dann würde das schon noch weg gehen. Denn am Ende ist doch sowieso alles nur Einbildung.

Man bleibt alleine mit seiner Einschätzung, seinem Körper und seiner Gesundheit. Überall wird healthy living vorgelebt, als Ideal markiert. Ein gesunder Geist lebt in einem gesunden Körper. Mehr Sport, mehr gesunde Ernährung. Kein Alkohol, keine Zigaretten. Dem Ideal hinterher rennend will man normal sein. Normal leben, nicht ständig krank, nicht ständig anders. Wozu also zum Arzt gehen, wenn man doch so perfekt gesund sein kann? Nie beim Arzt, nie Probleme mit Erkrankungen. Wieso sollte ich also krank sein?




Die Atemprobleme zogen sich durch bis ins Erwachsenenalter. Eine Kardiologin brachte Erkenntniss und eine Lösung des Problems. Mehr als 10 Jahre nach den ersten Symptomen war klar, dass mein Nervensystem einen Hau weg hat.


Meine Unterleibsschmerzen etc. verschwanden irgendwann von alleine. Es wurde nie ganz geklärt, woher die kamen.


Meine chronische Erkrankung bleibt nach wie vor. Tabletten helfen kaum noch und sie wird wohl auch immer eine Begleiterin bleiben, wie mir ein Arzt vor ein paar Jahren schon prophezeit hatte. Scheinbar habe ich aber immer noch Glück gehabt. Es hätte so viel schlimmer kommen können.


Ob ich jemals zu einem Facharzt gehen werde, weil ich mich nicht so fühle, wie man sich mit Anfang 20 fühlen sollte, bleibt abzuwarten. Die Tendenz geht jedoch eher in Richtung gar nicht. Mit dem bisschen an Problemen komme ich schon noch alleine klar. Ich komme alleine klar, mit meinen eingebildeteten Erkrankungen und dem zerbrochenen Gesicht. Komme alleine klar. Ganz bestimmt.

Alles nur Einbildung.

 

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Ein Kommentar zu „Die Mediziner und ich

  1. nach dem wenigen was ich von Dir gelesen habe, aus Deinem Blog oder von Deinem Kommentaren anderswo, bin ich mir sicher das du Dich therapieren solltest. Ob Du es selber machst oder den richtigen Therapeuten findest kann ich dir nicht raten. Hauptsache Du gehst es an.

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