Noten-Diskriminierung und Finanz-Rassismus

Der Aufzug brachte mich in die 4. Etage eines Bürogebäudes auf der Rückseite einer hochfrequentierten Einkaufsstraße im Herzen Kölns. Etwas zu warm um angenehm zu sein, umfing mich die Luft des Foyers der privaten Hochschule als ich dort eintraf.
Ich bin etwas zu spät, entschuldigte ich mich lächelnd, und wurde gebeten doch noch einen Moment Platz zu nehmen, Frau Vonundzu käme gleich.
Weitere 10 Minuten später und meine Gesprächspartnerin und Studienberaterin begrüßte mich freundlich. Bis jetzt hatte diese Hochschule einen zumeist positiven ersten Eindruck bei mir hinterlassen, nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass die „Workshops“ und Info-Tage im privaten Hochschulsektor eine Marketing-Kampagne im großen Stil sind.
Die Frage, ob Eventmanagement, Marketing und PR denn überhaupt meinen Neigungen entsprächen, bat ich zu überspringen, denn mich beschäftigte einzig und allein die Frage: Wie soll man, ohne BaföG, Kindergeld und sonstige Förderung ein Studium von 880€ monatlich über 3 1/2 Jahren finanzieren, plus 500€ Anmeldegebühr, plus 1 Auslandssemster, plus… Die Liste war lang.
„Was haben Sie bisher denn gemacht?“, fragte Frau Vonundzu mich mit einem zuckersüßen Lächeln.
„Nun…“, antwortete ich und holte aus.
Eine Ausbildung habe ich abgeschlossen, um danach an der Uni Köln ein Physik Studium zu beginnen, allerdings gestaltete sich das ganze mehr als eine Art Orientierungszeit, da dies nicht das richtige für mich wäre, sagte ich ihr, daher meine Entscheidung im Bereich Marketing zu studieren, da meine Ausbildung zum Teil diesen Bereich umspannte.
Beim Wort „Ausbildung“ bekam ihr zuckersüßes Lächeln kleine, feine Risse. Es fing an leicht zu wackeln.
„Aha. So so. Und wie war ihre Abitur-Note?“
„Ich dachte, das spielte bei Ihnen keine Rolle?“
„Nun, bei der Finanzierung allerdings schon.“
Aha. Da war es wieder. Das Festmachen der Qualifikation einer Person ausschließlich über Noten.
„Naja, durchschnittlich – 3,1.“
„Oh.“ (Hierbei zog sie die Augenbrauen hoch, mit einem Blick, der signalisierte, dass sie mich am liebsten direkt vor die Tür gesetzt hätte.)
„Dafür war die Ausbildung ganz gut. Die Noten lagen zwischen 1 und 3.““Na, ihr Lebenslauf ist aber doch SEHR bunt!“ (Den abfälligen Gesichtsausdruck werde ich in meinem Leben nicht vergessen.)
Die Fragerei nach Noten und Lebenslauf ließ nicht nach. Nachdem ich dann auch noch – dummerweise, weil ich nun einmal ehrlich bin – erzählte, dass ich 1 1/2 Semester studiert hatte, während der Ausbildung, wurde Ihr Blick immer ungläubiger und ich fragte mich immer mehr, wieso ich eigentlich bei dieser Frau Vonundzu saß, wozu ich mir die Illusion machte, ohne finanzielle Mittel an einer privaten Hochschule studieren zu wollen.
In diesem Gespräch wurde mir klar gemacht, dass man ohne Geld und ohne Überflieger-Lebenslauf ein Studium an einer privaten vergessen kann – zumindest bei so horrenden Kosten wie an dieser speziellen Hochschule. Nach dem Gespräch bat Frau Vonundzu mich, sie doch auf dem Laufenden zu halten bezüglich meiner Bemühungen um eine Finanzierung. Selbstverständlich, antwortete ich mit einem ebenso zuckersüßen über die Maßen freundlichen Lächeln, dass mir selbst leicht übel wurde.

Ich verließ das Gebäude, vermutlich zum letzten Mal, entmutigt und wütend ob der unmöglichen Anforderungen an Personen mit keinen Top-Noten die manche haben. Die würden mich so schnell nicht mehr dort sehen.


Schaut man sich die Situation bezüglich Studienfinanzierung in Deutschland mal genauer an (und ich habe mich in den letzten 6 Monaten mehr als ausführlich mit der Thematik beschäftigt), so lässt sich erkennen, dass Studium immer noch eine Finanzfrage ist – unabhängig was Politik, Hochschulvorstände und Astas uns erzählen wollen. Natürlich gibt es diverse Möglichkeiten, allerdings diese auch nicht für jeden.

Hier die Liste der Möglichkeiten und meine persönlichen Kommentare dazu:

 

BaföG

Schön und gut, lieber Staat Deutschland, aber habt ihr schonmal dran gedacht, dass 650€ Höchstsatz in Städten wie Köln, München oder Hamburg zum Leben nicht ausreichen? Von diesem Dilemma mal abgesehen ist es ein Unding, wie das BaföG berechnet wird. Oft bekommen Studenten kein BaföG, weil die Eltern „zu viel“ verdienen – und dennoch kann eine Familie den Studenten nicht ausreichend unterstützen, da das Geld an anderer Stelle dringender benötigt wird. Weiterhin ist es ein Problem, dass man oftmals kein BaföG mehr bekommt, sobald man eine Ausbildung abgeschlossen hat. Studium? Pah, Privatvergnügen!

Studienkredit

Ähnlich wie BaföG, aber teurer, dafür ohne Konditionen. Immerhin etwas. Eltern – wie oben schon erwähnt ist das eine je nachdem unzuverlässige und schwierige Quelle – wer möchte schon seinen Eltern 6-10 Jahre auf der Tasche liegen, nur weil man studiert?Nebenjob – ist eine akzeptable Lösung die ich so derzeit auch durchführe. Schwierig wird es dennoch, z.B. bei zeitintensiven Studiengängen wie Physik. Oftmals muss man sich dann entscheiden – verdiene ich diese Woche Geld oder lerne ich lieber? Entscheidet man sich für letzteres, bekommt man die Monatsration Eiswürfelsuppe gratis dazu.

Stipendium

Auswahl gibt es genug, aber die Anforderungen sind zum Teil schon recht… nun, sagen wir, sie sind recht facettenreich. Von der Mitgliedschaft in einer Kirche oder Partei, über Engagement in einem bestimmten Ehrenamt bis hin zu den klassischen Notenstipendien gibt es vieles. Aber ich bin definitiv nicht der Stipendientyp. Wer damit zurecht kommt – tolle Lösung.

Sugardaddy

Ja, Sie lesen richtig. Sugardaddy. Auch wenn es für mich persönlich keine Lösung wäre, so gibt es doch mehr als genug Studentinnen die sich ihr Studium durch einen Sugardaddy finanzieren lassen. Wer damit zurecht kommt und tatsächlich jemanden findet – Glückwunsch. Sie haben die Studienfinanzierungslotterie gewonnen.

 

Fazit: Finanzierung ist nie leicht, und schon gar nicht an einer privaten Hochschule, wo das Studium so viel kostet wie ein Kleinwagen. Bleibt also doch das Studium an der öffentlichen Universität. Und seien wir doch alle mal ehrlich – nichts ist schöner als das Campus Leben an einer überfüllten Universität mit all seinen Macken und Schwierigkeiten.


Habt ihr Erfahrungen bezüglich Studienfinanzierung gemacht oder kennt ihr noch andere Möglichkeiten? Schreibt es doch unten in die Kommentare!

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