Generation Z und der Orden der Soziologen

Generation X, Generation Y, Generation uns-gehen-langsam-die-Buchstaben-aus-Z

Warum Generationen doof sind und wir definitiv keine Einteilung in eben jene brauchen.

Generation Z, bitte übernehmen! (aus ZEIT Campus, 10/2016)


Ich las einen Artikel in der ZEIT Online, Rubrik ZEIT Campus. Er ist ein Appell an die Generation Z sich mit ihrem Bild in den Medien auseinanderzusetzen. Bevor ihr euch also weiter in meinen Artikel vertieft, solltet ihr euch diesen Appell durchlesen. Er hat durchaus seine Berechtigung, aber warf bei mir – mal wieder, wenn es um das Generationen Thema geht – etliche Fragen auf.


Und dann sind da wir. Wir, die Jahrgänge 1994, 1995 und 1996. Nicht mehr ganz Generation Y, aber auch keine Generation Z. Wir sind die „dazwischen“. Ich persönlich bin 1995 geboren, im Mai, also fast exakt in der Mitte. Zwischen aufstrebenden Take That und Spice Girls aufgewachsen, mit den 80er Jahren zuhause im Platten Regal. Unsere Eltern legten uns die 1980er mit in die Kinderwiege, die Gesellschaft sieht uns als „Digital Natives“. Aber sind wir das wirklich? Fühlen wir uns als Digital Natives? Kann ich mich als in die neue Technologie hineingeboren beschreiben, wenn wir als Kinder mit Vinylplatten und Kassettenrekordern aufgewachsen sind? Im Kindergarten wurde die neuste Musik gespielt (No Angels und Spice Girls) und zuhause läuft immer noch ABBA. Mit 6 Jahren (2001 ja schon!) bekommt man das erste eigene Radio. MIT CD-PLAYER. Wow. DAS war technologischer Fortschritt! Den ersten Harry Potter Film habe ich immer noch auf VHS, statt DVD, genau wie all meine anderen Kinderfilme. Meine Lieblingsgeschichten sind immer noch auf Kassette, auch wenn heute gerne mal Bandsalat draus wird.

Sind wir dann nicht vielleicht eine ganz eigene Generation? Vielleicht Generation YZ. Etwas dazwischen. Die Generation Y macht Abitur als ich in die Schule komme, hat vielleicht schon gearbeitet. Also doch nicht so meine Generation.  Die Generation Z kommt so langsam in Fahrt und erblickt das Licht der Welt. Aber wer möchte damals schon mit den Kleinen spielen?

Heute habe ich Freunde und Kollegen aus der Generation Y. Anfang 30, mehr oder weniger erfolgreich im Job. Verheiratet, Kinder, ein Haus. Die Generation Z lässt sich bei mir nicht blicken, ist viel zu beschäftigt, quer durch die Weltgeschichte zu reisen oder dem neuesten YouTuber zu folgen. Die neuesten digitalen Trends bekomme ich seit Jahren nicht mehr sofort mit.

Snapchat ist angesagt! – Julia, du bist zu spät. – Gab es da nicht so ne neue App, die alle haben müssen, weil die VOLL cool ist, Musically…? Nein, sag es nicht. Ich bin zu spät. Mal wieder.

Der Drang, diese medialen Trends mitzumachen und jedem Trend nachzulaufen, geht meinen Freunden und mir völlig ab. Und den meisten in meinem Alter die ich kenne ebenfalls. „Digital Natives“ ist definitiv die Generation Z, wir sind eher die, die den technologischen Fortschritt von klein auf mitbekommen haben und deswegen mit viel technischem Wissen groß geworden sind. (Wie jemand der fließend Englisch spricht, aber Deutscher ist – er ist ja trotz allem kein „Native Speaker“.)

Und doch bekommt man alles etwas besser mit als die Generation Y, alles etwas schneller, nimmt alles etwas besser auf. Man ist halt irgendwo dazwischen.

Als ob das noch nicht irritierend genug wäre, definieren die Wissenschaftler und Soziologen und Zoologen und Magier und wer weiß wer noch alles die Generationen Y und Z anders. Schauen wir uns doch einmal den passenden Wikipedia Artikel zur Generation Y an.

Generation Y (kurz Gen Y) wird die Bevölkerungskohorte bzw. Generation genannt, die im Zeitraum von etwa 1980 bis 1999 geboren wurde. Je nach Quelle wird diese Generation auch als Millennials (zu deutsch etwa die Jahrtausender) bezeichnet. Daneben ist die Generation die erste der Digital Natives.

 

Wie jetzt. Doch bis 1999? An anderer Stelle liest man, Generation Y ginge ja nur bis 1994, ab 1995 wäre doch schon Generation X. Scheinbar sind sich selbst die hochintelligenten Professoren da oben nicht ganz einig, in welche Schublade sie die 90er-Kinder stecken sollen. Und AHA! Generation Z ist also doch nicht die erste „Digital Natives“ Generation. Lesen wir doch ein wenig weiter, was Wikipedia uns diesbezüglich noch zu bieten hat.

Durch die zeitliche Einordnung gilt sie als Nachfolgegeneration der Boomers (bis 1965) und der Generation X (bis 1980). 

Aha. Noch mehr Irritation. Meine Eltern sind 1964 und ’66 geboren. Ich bin also eine Mischung aus Boomer und Generation X. Stellen Sie sich einfach vor, wie ich meinen Kopf wiederholt auf die Tastatur sausen lasse.

Die nachfolgende Generation wird hin und wieder als die Generation Z bezeichnet, welche mit dem Geburtsjahr 1999 beginnt.

In Ordnung. Laut Wikipedia wissen wir jetzt, dass Generation Z ab 1999 beginnt. Ich bin etwas schlauer geworden, wenigstens Wikipedia scheint ja zu wissen, wo wann wer beginnt.

Doch wie sieht es denn jetzt mit dem Zeitgeist meiner Generation aus?

Man hört vom neuen Bürgertum, von einer Biedermeier Generation – die jungen Leute zwischen 20 und 30. Das wären dann 1986-1996. Eine weitere Einordnung in eine Zeitspanne, in die man eine Generation stecken möchte und die komplett im Gegensatz zu den „Digital Natives“ steht. Wenn ich von meiner Generation spreche, meine ich eine recht kleine Altersgruppe. Die meisten sind zwischen 20 und 24. Die Generation darunter verstehe ich oftmals nicht, und die Generation darüber erscheint doch schon wieder zu entfernt von uns, als dass sie uns ihrerseits verstehen wollten.

Aber auch innerhalb meiner Generation gibt es so enorme Unterschiede, dass einem nur die Frage übrig bleibt, ob man wirklich aus einer Generation stammt. Während die einen den neu erkorenen Biedermeier Stil als das Non-Plus-Ultra predigen und Samstags abends lieber bei einer Weinverkostung sitzen, suchen die anderen den ultimativen Kick im „healthy living“ – „Clean Eating“, Vegan, nachhaltig, eine Mitgliedschaft bei Greenpeace und verdammen die spießigen Neo-Biedermeier.

Die Medien drücken jetzt schon ihre widerlichen Stempel auf uns drauf, und brennen sich ein wie ein dickes, fettes Brandmark mit „Gen Z“ als Schriftzug. Googelt man nach der Generation Z, tauchen viele Überschriften auf, welche mehr Angst verursachen als alles andere. Jeder scheint etwas über die Generation wissen zu wollen und verbreitet sein Wissen, wie es ihm beliebt. Hier zwei der hübschesten Überschriften:

Update (07.03.18): Ursprünglich waren hier zwei Screenshots abgebildet, aber aus mir unbekannten Gründen scheinen die Bilddateien fehlerhaft bzw. nicht mehr abbildbar zu sein. Da ich diese Screenshots auch nicht mehr besitze, müssen Sie, lieber Leser, leider ohne die amüsanten Auswüchse des deutschen Journalismus auskommen.

Selbstverständlich gibt es auch durchaus positive Nachrichten über uns, aber ein vernünftiges Mittelmaß scheint es nicht zu geben. Entweder, die Arbeitggeber sollen sich wappnen für uns, weil wir so anspruchsvoll seien, oder wir sind die absolut beste Generation für den Arbeitsmarkt, denn wir wissen, was wir wollen (das wär schön!).

Was sagt uns das? Schubladen funktionieren nicht. Weder generationenweise, noch innerhalb einer Generation. Generation Z und Generation Y sind hübsche Worte, mit denen man eine (überhaupt nicht homogene) Masse an Menschen beschreiben will – und kläglich scheitert. Worte, welche von Menschen ersonnen werden, die scheinbar überhaupt keine Ahnung haben, von dem, was sie uns dort andichten, unabhängig ob wir zur Generation X, Y, Z oder Salami gehören (die gibt es bestimmt auch, falls nicht, kommt sie bestimmt noch).

Liebe Wissenschaftler und sonstige Schubladenzuordner da draußen:

lasst uns doch einfach in Ruhe. Und seht endlich ein, dass ihr nichts über unsere Generationen wisst.

„Denn es mag wohl eben keiner von uns beiden etwas tüchtiges oder sonderliches wissen; allein dieser doch meint zu wissen, da er nicht weiß, ich aber, wie ich eben nicht weiß, so meine ich es auch nicht. Ich scheine also um dieses wenige doch weiser zu sein als er, daß ich, was ich nicht weiß, auch nicht glaube zu wissen.“

Platon: Apologie des Sokrates

Hören wir doch auf Platon und verbleiben wir in dem Wissen, dass wir nichts wissen. Dann kann sich auch keiner beschweren. Das gerade frisch gekürte „Jugendwort“ des Jahres 2016 lautet übrigens „fly sein“ – wissen Sie, was das ist? Nein? Gut, ich nämlich auch nicht. Die Jugendlichen in Deutschland schütteln traurig und verständnislos ihre Köpfe ob des großartig recherchierten Wortes. Die Online Community beschließt einstimmig „isso“ zu nehmen. Isso, oder?

Aber das ist eine andere Geschichte.

 


Wer sich für das ganze Jugendwort Voting 2016 interessiert,  bitte hier entlang.

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